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22. Juni 2026

Die Tuxer Tracht: Handwerk, Heimat und Haltung

Samt, Wolle und Seide, dazu eine Geschichte, die von den Napoleonischen Kriegen bis heute reicht. Warum bei uns in Tux niemand seine Tracht beiläufig trägt, lest ihr hier.

Die Tuxer Tracht: Handwerk, Heimat und Haltung

Sie wird selten schnell gekauft, kaum beiläufig getragen und ungern einfach abgelegt. Wer bei uns in Tux zur Festtracht greift, streift sich Samt, Wolle und Seide über. Und ein Stück Historie, die von den Napoleonischen Kriegen bis in die jüngste Gegenwart reicht. Diese Geschichte ist nicht immer leicht und nur selten einfach. Umso achtsamer gehen wir Tuxer mit ihr um. Dieser Artikel erzählt, was unsere Tracht ist, wo sie herkommt, wie sie gemacht wird. Und was an ihr bemerkenswert bleibt, gerade heute.

 

Die Macht der Tracht: Ein Tal, eine Kleidung

Tux liegt am hinteren Ende des Zillertals, dort, wo die Straße irgendwann in den Gletscher mündet und ein besonderer Menschenschlag seit Generationen mit und von der Natur lebt.

Unsere Tracht ist technisch gesehen die Zillertaler Taltracht, mit lokalen Akzenten, aber ohne harte Grenze zu den Nachbargemeinden talabwärts. Das hat historische Gründe. Nach den Napoleonischen Kriegen fiel das Zillertal 1806 zunächst an Bayern, bevor es 1816 zur Habsburgermonarchie zurückkehrte. In dieser Zeit und danach begannen sich die Kleidungsformen im Tal, die bis dahin lokal verschieden waren, einander anzugleichen.

Was heute als „die" Tracht gilt, ist also weniger eine uralte, ununterbrochene bäuerliche Tradition. Sondern vielmehr das Ergebnis einer allmählichen Vereinheitlichung im Lauf des 19. Jahrhunderts. Und einer Wiederbelebung, die mit dem aufkommenden Alpentourismus zusammenfiel. Städtische Sommerfrischler entdeckten die Tracht als Ausdruck eines romantisierten Landlebens. Fahrende Zillertaler Musik- und Sängergruppen trugen sie durch Europa, bis hinüber nach Amerika. Die Rainer-Familie aus dem Zillertal wurde im 19. Jahrhundert in den USA für ihre Auftritte in Tracht gefeiert. So wurde aus einem regionalen Kleidungsstück ein internationales Bild vom „Tirolerischen".

Was auf dem Leib sitzt: Die Tuxer Männertracht

Das Herzstück unserer Männertracht heißt so wie der Ort: der Tuxer. Eine Lodenjoppe aus hellgrauer, gewalkter Wolle, gefertigt aus dem Vlies des Tiroler Steinschafs. Robust, warm, schön. Schwarze Borten säumen die Kanten, schwarze Samtstulpen bilden die Ärmelabschlüsse. Innen ein hellblau gemustertes Futter aus Baumwolldamast, mit dem charmanten Namen „Matratzengradl".

Dass das Schaf, dessen Wolle den Tuxer liefert, seit 1974 unser Gemeindewappen ziert, hat einen Grund. Das Tiroler Steinschaf ist ein kompaktes, trittsicheres Hochgebirgsschaf mit mischwolligem Vlies. Es gilt als die älteste Schafrasse Tirols. Seit 1973 gibt es bei uns in Tux einen eigenen Steinschafzuchtverein für das hintere Zillertal. Tux wird heute „Wiege der Tiroler Steinschafzucht" genannt, ein Titel, auf den wir stolz sind.

Der Tuxer ist Teil der Großen Tracht, dem Festtagsornat: eine Kniebundhose aus Leder, ein roter Brustfleck mit drei Borten in Grün, Silber und Gold, ein schwarzer Flor um den Hemdkragen, ein breiter, von Hand bestickter Leibgurt namens Ranzen, und ein schwarzer Hut, verziert mit Nelken und Spielhahnfedern. Die Stickerei am Ranzen ist Federkielstickerei: eine aufwendige Technik, bei der die gespaltenen Kiele der Oberschwanzfedern des Pfaus in pflanzlich gegerbtes Rindsleder eingestochen werden. Die UNESCO führt sie im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.

Die Kleine Tracht, auch Sonntagstracht genannt, ersetzt Kniebundhose, Brustfleck und Florkrawatte durch eine lange schwarze Hose, eine schwarze Weste und eine schlichte schwarze Krawatte. Der Tuxer-Janker bleibt. Der Hut wird schmalkrempig, dunkelgrau, mit grünem oder schwarzem Band und einer weißen Feder. Zwischen Cäcilia, dem Tag der Patronin der Musiker am 22. November, und Ostern tritt unsere Musikkapelle ausschließlich in der Kleinen Tracht auf.

Paar in Tuxer Tracht vor gestapeltem Rundholz: grauer Lodenjanker mit Federkielgürtel, rotes besticktes Mieder, blaue Schürze.
Meisterschneiderin Barbara und ihr Mann in Tuxer Tracht. Foto: Anna Geiger.
Zwei Männer in Tuxer Tracht vor einer geschnitzten Holztür, die Lodenjanker offen, das hellblaue Futter sichtbar.
Der Tuxer Männerjanker aus grauem Loden: schlicht von außen, und innen steckt die ganze Sorgfalt. Foto: Anna Geiger

Kassettl und Röckl: Die Tuxer Frauentracht

Die bekannteste Frauentracht des Zillertals und Tuxertals ist das Röckl. Entstanden im 19. Jahrhundert, entwickelte es sich aus bunten, kürzeren Kleidern allmählich zum schweren, schwarzen Festgewand, das es heute ist.

Das Röckl besteht aus einem schwarzen Samtmieder mit tiefem, viereckigem Ausschnitt, besetzt mit besticktem weißem Seidentuch. Der Rock aus schwarzem Wollstoff wird in Stehfalten gezogen. Bei dieser Falttechnik bleibt der Stoff aufgerichtet, statt flach zu liegen. Die Schürze ist das einzige Farbelement: Seide in Pastelltönen mit kleiner Musterung, oder gemusterter Wollstoff.

Die Art, wie die Schleife gebunden wird, verrät den Familienstand der Trägerin. Wer im Tal aufgewachsen ist, liest diese Information an der Schürze ab, bevor ein Wort gefallen ist.

Zum Röckl gehören die drei H's: Hut, Halskette und Haarspange. Der Röckl-Hut ist schwarz, reich verziert mit Goldquasten und gekordeltem Band. Halskette und Haarspange sind meist aus Granat gefertigt, jenem dunkelroten Stein, der in der Alpenregion seit Jahrhunderten geschliffen wird. Die drei H's wandern oft über Generationen weiter, von der Großmutter zur Tochter zur Enkelin.

Ergänzt wird das Röckl durch gestickte weiße Kniestrümpfe und schlichte, flache Schuhe.

Neben dem Röckl gibt es die Alltagstracht mit dunklem Mieder, Leinenbluse mit Puffärmeln, hoch angesetztem Rock und Schürze. Und spezielle Varianten wie die Marketenderinnen-Tracht der Schützenkompanien oder die Blaue und die Rote Tracht, die heute seltener getragen werden.

Frauen tragen selten einen Tuxer. Bei den Musikantinnen der örtlichen Musikkapelle gehört er immer dazu.

Was eine Tracht kostet, und was sie wert ist

Ein neu angefertigtes Röckl kostet etwa so viel wie ein richtig gutes Mountainbike, oder eine Hochzeitsreise. Auch heute noch bekommen manche junge Frauen ihr Röckl zur Heirat von der Familie geschenkt.

Der Preis erklärt sich aus der Handarbeit. Eine Trachtenschneiderin näht an einem Röckl wochenlang. Das Samtmieder wird individuell angepasst, mehrfach genäht, mehrfach geprüft. Auch Stickereien sind Handarbeit. Der Rock wird in die Stehfalten gezogen, Falte für Falte. Und der gute Stoff ist teuer: Samt und Seide kommen aus Italien oder Frankreich, der Wollstoff aus Tiroler Manufakturen. Wer ein solches Gewand trägt, trägt Material, das älter werden kann als sie selbst.

 

Die Geschichte, die auch dazugehört

Wer Tracht trägt, trägt immer auch ein Stück Geschichte, die sich nicht schönreden lässt. Die Volkskundlerin und Philosophin Elsbeth Wallnöfer hat das in ihrem Buch Tracht macht Politik (Haymon Verlag, 2020) dargelegt. Denn die Tracht war in der Vergangenheit mehrfach politisch besetzt und missbraucht: als romantisches Symbol des aufkommenden Nationalismus im 19. Jahrhundert, als Kleidung reaktionärer Bürgerwehren in den 1920er Jahren, und besonders massiv unter den Nationalsozialisten. Diese machten die Tracht zum Bestandteil ihrer Ideologie vom „deutschen Volkstum", bis hin zum Verbot für Jüdinnen und Juden, Tracht zu tragen. Die Autorin plädiert dafür, das Kleidungsstück heute zurückzuerobern. Bewusst und informiert. Als Erinnerung daran, dass Tradition von Verantwortung getragen wird.

 

Wer Tracht heute trägt

In Tux tragen wir die Tracht zu Taufen, zur Erstkommunion, zur Firmung. Zu Hochzeiten. Zu Familienfesten. Zu Begräbnissen. Zu kirchlichen Feiertagen. Von Musikkapelle und Schützen bei Aufmärschen. Beim Gauder Fest im Frühling, einem der größten Trachtenfeste Österreichs und seit 2014 selbst UNESCO-Kulturerbe. Wer in Tux aufwächst, wächst mit dieser Kleidung auf: Das Röckl der Mutter wird an die Tochter weitergegeben oder neu geschneidert. Der Tuxer-Janker des Großvaters hängt im Schrank und wartet auf den nächsten Anlass. Die drei H's reisen in kleinen Schmuckkästchen durch Generationen.

Doch auch Zugezogene tragen Tracht, wenn sie hier heimisch geworden sind oder werden wollen. Denn ein Geburtsprivileg ist die Tracht nie, vielmehr ein Bekenntnis. Wer ein Röckl oder einen Tuxer-Janker anfertigen lässt, bekennt sich zu einer Gemeinschaft mit Geschichte. Tracht ist Handwerk und Heimat. Tracht ist gelebte Erinnerung. Und Tracht ist Entscheidung.


Dieser Blog-Artikel ist Teil von Gspian, einem besonderen Büchlein, das unsere Stammgäste im Hotel Eden bekommen. Hier am schönsten Ende der Welt. Dort kannst du auch lesen, warum sich unsere Gastgeberin Lisa Erler als „Auswärtige"  bei Meisterschneiderin Barbara Pfister in Tux ein Röckl schneidern hat lassen. Und welche Farbe ihr Schurz hat. Fotos: Anna Geiger & Ronny Exenberger

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